Leseprobe aus dem "Sommerteil"

Cover "Der Wolfsziegel", Sommerteil (Titelbild des E-Books).
Cover "Der Wolfsziegel", Sommerteil (Titelbild des E-Books).

 

 

Ausschnitt Kapitel 5: Eine unwiderstehliche Versuchung zur süßen Sünde

Eine kleine Holzbrücke verband die Insel des Moulins mit dem rechten Flussufer der Creuse und bildete so eine schöne ruhige Bucht, die zum Schwimmen und Baden wie geschaffen war. Seerosen verzierten das Wasser und am Ufer wuchs hohes Schilf.
Das Wasser war ruhig und dunkel und auch etwas wärmer als sonst im Fluss. Die Fische liebten diese ruhige Stelle. Schwärme von Karpfen tummelten sich in diesem Becken, und alle Fischer der Gegend waren sich einig, dass es hier die größten Karpfen weit und breit geben sollte.
Le Doyen kam gerne zu diesem himmlischen Fleckchen Erde. Als passionierter Angler schätzte er die Aussicht auf reichen Fang, aber noch mehr liebte er die ruhige Abgeschiedenheit des Ortes und die Schönheit der fast unberührten Natur. Hätte er auch weniger Fische mit nach Hause gebracht, er hätte trotzdem die Mühen des Weges nicht gescheut, um dieses von Gott geschaffene Idyll aufzusuchen. Hier konnte er für ein paar Stunden ungestört den Mühen und Sorgen des priesterlichen Alltags entfliehen, ohne unliebsame Unterbrechungen fürchten zu müssen.
Plopp! Plopp! Die Leine der kleinen Rute in seiner Hand spannte sich zwei Mal. Der Schwimmer war unter der Wasseroberfläche verschwunden. Aufgeregt sprang Le Doyen auf:
‚So schwer kann nur ein Karpfen sein’, dachte er sich und umklammerte die Angel fester. Just im diesem Augenblick wehrte sich der Fisch vehement gegen die Gefangenschaft. Die Angel in seiner Hand hüpfte in alle Richtungen, während die Leine, zum Zerreißen angespannt, nach unten in die Tiefen des Gewässers zog. Er schafft es nicht, die Leine auch nur einen Millimeter aufzurollen.
‚Das muss der Vater aller Karpfen sein, so machtvoll und schwer!’ Vor Aufregung perlten Schweißtropfen auf seiner Stirn. Mit einer Hand tastete er nach dem Kescher, den er vorhin so achtlos ins hohe Gras geworfen hatte. Dabei ließ er die Leine nicht aus den Augen und beobachtete die dicken, kreisrunden kleinen Wellen, die der verzweifelte Fisch durch seine Flossenschläge verursachte. Wie lange konnte er diesen anstrengenden Kampf noch durchhalten? Da ... der Kescher ... Gott sei´s gedankt! Dem Tier schienen die Kräfte zu schwinden. Le Doyen rollte die Leine behutsam Zentimeter um Zentimeter auf. Kurz bevor er den Fisch über der Wasseroberfläche zog, tauchte er geschickt und flink mit dem Fangnetz unter den Fisch und hievte ihn an Land. Noch einmal bäumte sich der Fisch gegen sein Schicksal auf. Wild zappelte er im Netz, die Kiemen aufgequollen, die Flossen aufgeplustert vor Angst, Schmerz und Wut.
Der Seelsorger musste mit beiden Händen zupacken, sonst hätte er das Netz nicht halten können. Die Angel rutschte ins Wasser. „Bei allen Heiligen ... welch ein Kerlchen ... Heiliger Sankt Petrus, komm’ steh’ mir bei! ... Ach nein, lieber doch nicht, sonst gebührt Dir der ganze Ruhm! Komm her, mein Kerlchen ... lass’ dich anschauen!“
„Drrring!“ - Ein metallenes Klingen ließ den Priester aufhorchen. Ein Fahrrad! Wer kam da, um seine wohlverdiente Ruhe zu stören? Hatte nicht selbst Gott diese gerade gebilligt? Hatten die Dorfbewohner mitten am Tage nichts anderes zu tun, als hier draußen herumzulungern?
Angestrengt spitzte er die Ohren. Um besser hören zu können, hielt er sogar den Atem an. Eine Amsel zwitscherte aufgeregt über seinem Kopf, ein Kuckuck rief weiter weg, schien ihr zu antworten! Sonst nichts! Hatte er sich getäuscht?
Er konnte nichts weiter hören als die Stimmen der Natur.
Ja, er hatte sich getäuscht! Niemand da! Er lehnte sich bequem auf seinem Hocker zurück und fing an, seine Pfeife zu stopfen. Die hatte er sich nun redlich verdient! Zufrieden zog er den würzigen Duft tief ein und stieß mit einem wohligen Seufzer den verbrauchten Rauch in die Luft. Verträumt schaute er den leichten dünnen Rauchschwaden hinterher, die auf den Strahlen der glühend heißen Sonne tanzten.
Patsch! Patsch! Kieselsteine hüpften übers Wasser. Kein zwanzig Meter von ihm entfernt, gleich nahe des kleinen Holzstegs. Und dann diese Stimme, engelsgleich: „Mist!“
Dem armen Mann wurde es heiß und kalt! Diese Stimme war Himmel und Hölle zugleich! Kurz, es war die Stimme von Denise Bélard.
Hastig machte Le Doyen seine Pfeife aus und kauerte sich ganz eng auf seinem Hocker zusammen. Um nichts in der Welt wollte er, dass das Mädchen ihn sah! Nur Gott alleine wusste, welche Fantasien diese schöne Gestalt in ihm aufsteigen ließ. Zu frisch waren auch die Erinnerungen an die Beichte des jungen Mädchens in seiner Sakristei am Tag des tobenden Gewitters.
Seit einem Monat versuchte er die unliebsamen Gedanken an dieses Abenteuer zu verscheuchen ... das erste dieser Art mit einem so jungen und schönen Mädchen.
Immer besser war ihm das in den letzten Tagen gelungen. Verbannt hatte er die Bilder in seinem Kopf, in den hintersten Winkel seines Gehirns ... und jetzt das! Welche Ungerechtigkeit ließ Gott hier walten? Verzweifelt rettete er sich ins Gebet, spähte aber gleichzeitig durch die Schilfrohre, um einen Blick auf die Schöne zu erhaschen.
Hinter dem Holzsteg tauchte sie auf. Anmutig watete sie barfuß durch das flache Wasser am Ufer, das Kleid, nass bis zu den Hüften, klebte an ihren langen grazilen Beinen. Gerade als er sich zu erkennen geben wollte, um sie zu bitten, sich doch einen anderen Platz zum Schwimmen zu suchen – sie hatte sicher Verständnis dafür, dass sie die Fische vertreiben würde – da zog sie sich mit einer liebreizenden raschen Bewegung das luftige Sommerkleidchen über den Kopf. Splitternackt, nur mit einem winzigen rosafarbenen Spitzenhöschen bekleidet, stand sie in der hell strahlenden Sonne. Flink streifte sie das kleine Stückchen Stoff auch noch ab und warf es achtlos zu dem am Boden liegenden Kleid. Mit weit auf gerissenen Augen und offenem Mund musste der Priester mit ansehen, wie das charmante Wesen ....

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©Wolfgang Stoessel, Betzdorf